Mariano Rinaldi Goni  (MAO)

Zeichen und Mythos

 

rank2 A. ¬proud, rebellious OE.; ¬stout ans strong XII; ¬swift, violent XIII; B. ¬full-grown OE.; vigorous or luxuriant of growth; coarsely luxuriant XIII; grossly rich or fer-tile; gross, coarse in manner XIV; of offensively strong smell; absolute, downright XVI. OE. ranc proud, stout, valiant, showy in dress = (M)LG. rank long and thin, ON. rakkr erect, f. Gmc. *rankaz.

 

Seit 2004 arbeitet MAO an einer Werkreihe zum Thema der mythischen Walküren und deren heidnische Götterwelt. Obwohl Gemälde im klassischen Verständnis, funktionieren MAOs Bilder in ihrer Wirkung als Gesamtkunstwerke nach dem von Wagner geprägten Begriff. Die Formen verführen das Auge, die Materialität von Farbe und Figur läßt sich nahezu riechen, die Gewalt des Ausdrucks überwältigt das Gehör. In der Synthese kriegerischer weiblicher Erotik und etymologisch gespeister Suggestion findet der Mythos erneut zu einer sinnlichen Form – die Leinwand als Schlachtfeld. Dynamik und Erotik sind niemals nur Behauptung, sie durchdringen als geheimnisvolle Zeichenkette Gegenstand und Stil. Die Jungfrauen verkün-den den Tod in der Sprache ihrer zerstörten Körper. Der durch die offensive Erotik betörte Betrachter findet sich unvermutet im Reich des Todes und ist damit bereits gefangen im ewigen mythischen Kreislauf. Wie Wagner hat MAO die Macht des Mythos in der ritualisierten Verdichtung erkannt.

 

Der junge argentinische Maler mußte sich, mit seiner düster-strahlenden Sensibilität, zu den Walküren magisch hingezogen fühlen. Vor Jahren schon weckten jedoch zuerst die Nornen, die nordischen Schicksalsgöttinen, sein Interesse. Die Frauen als Hüterinnen und Lenkerin-nen des unergründlichen Laufs der Zeit übten ihre Faszination aus. Neben den zwei älteren, die über Vergangenheit beziehungsweise Gegenwart gebieten, verweist vor allem die dritte Norne, die Jungfrau, die über die Zukunft wacht, aber auch den Tod bringt, direkt auf die Walküren. Die Ambivalenz von erotischer Verheißung und Todesgewissheit bildet den Kern dieser ästhetischen Mythologie.

 

So wie die Nornen ihre Lebens- und Schicksalsfäden spinnen und damit die Lesbarkeit der Zeit sichern, verbindet der Künstler multisensorische Momente zu einer großen semiotischen Erzählung. Von Wort zu Laut und Klang, weiter zum mimischen Ausdruck und zum Leinwandkörper führt keine residuenfreie Übersetzung. Die Bedeutung bewegt sich vielmehr frei zwischen den Zeichen und daraus entsteht der rhythmische Raum der Kunst. Was bei Wag-ner noch das große Weltendrama war – Ursprung der Welt im Es-Dur-Dreiklang und Götterdämmerung inklusive –, zerfällt bei MAO jedoch zum kontorsionistischen Fragment, zu abs-trakt verbundenen Sinnfetzen.

 

Der Betrachter steht in einem Raum, umringt von großen, schlanken Leinwänden. Darauf im schwarzen Gerüst ihrer Umrisse gefangene große, schlanke Frauen. Beim Betrachten erhebt sich betäubender Lärm. Metallisch scharfe Geräuschsplitter mischen sich mit dem Klang von Pferdehufen und den strahlenden Tönen weiblicher Stimmen. Der Bildraum schneidet sich in die Frauenkörper, während die Raserei der Zeit in der Ewigkeit eines schwarzen Lochs ein-gefroren scheint. Der Augenblick der Gewalt, Schlag, Schnitt und Schrei wird sichtbar, jen-seits aller Narration. Die Bilder erzählen nicht, sondern sie verdichten - bis der Betrachter nicht anders kann, als sich in den Raum der Assoziationen zu flüchten. Der Zauber ist ohne Gewalt nicht zu haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern gerade die Kunst, die Gewalt so zu steigern, dass sie in Sehnsucht umschlägt, die Schönheit so zu intensivieren, dass sie nach Zerstörung verlangt.

 

Der Mythos lebt von Offenheit und Wiederholung. Nicht die Wahrheit, sondern die um diese kreisende, aus der Bedeutungsübertragung von Zeichen zu Zeichen, von Geschichte zu Geschichte entstehende Bewegung macht die besondere Form des Mythos aus. Der Raum des Mythos ist voller Bilder. Die drei Nornen und neun Walküren, Wotan und Fricka, Siegmund und Sieglinde, jeder von ihnen ein Zeichen, das auf ein anderes verweist. Der Mythos be-steht aus geheimnisvoll miteinander verknüpften einzelnen Bildern extremer Verdichtung. Jede Gestalt ist durch das stete Spinnen der Nornen mit den anderen verbunden. Von Bild zu Bild zu Bild. Es gibt keinen Anfang und kein Ende.

 

Bei seiner Arbeit am Walküren-Zyklus läßt sich der Maler unter anderem vom Zauber der Runen in ihrer Zeichenhaftigkeit inspirieren. Der von diesen eröffnete Bedeutungsraum dient ihm als assoziativer Ausgangspunkt. Die vielschichtige Symbolik beginnt bei der Bildlichkeit der Runen selbst, bezieht die Götterwelt in ihren mannigfachen Beziehungen mit ein und begibt sich schließlich in deren bildnerische Interpretation hinein. Der Schlüssel zu dieser verborgenen Welt der Zeichen liegt für den Maler in der Weiblichkeit. Die Walküren stellen als kriegerische Jungfrauen in ihrer strahlenden, aber düsteren Schönheit die Verbindung her zwischen den geheimnisumhüllten Polen unserer Existenz: der Liebe und dem Tod. Sie sind kampferprobte Hüterinnen des Geheimnisses. Als Kopfgeburten des obersten Gottes, gewissermaßen phantastische Urbilder, werden sie damit selbst zu Zeichen der ewig um-kreisten Weiblichkeit. Die Leinwand und die darin eingefangenen Körper der Walküren wer-den im eigentlichen Sinne zum Schlachtfeld - für den aufs Neue ausgefochtenen Macht-kampf zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen. Es ist der Versuch des Mannes, der Frau unter Todesgefahr ihre Geheimnisse zu entlocken. Nicht von ungefähr erwähnt der argentinische Schriftsteller Borges die Verbrennung einer Frau im mittelalterlichen England: „Charged with being a Valkyrie, that is to say, a witch.“

 

Es ist immer gefährlich, sich den Walküren zu nähern. Bei Wagner sagt Brünnhilde: „Nur Todgeweihten / taugt mein Anblick; / wer mich erschaut, / der scheidet vom Lebenslicht.“ Die Walküren verkünden und bringen den Tod – aber, und das ist entscheidend, ihr Gegenüber ist kein gewöhnlicher Sterblicher, sondern ein Krieger. Man begegnet ihnen im Kampf.

Schaut man MAO bei der Arbeit zu, vermeint man Zeuge dieses Kampfes und zugleich eines Beschwörungsrituals zu sein. Das Atelier füllt sich mit Unruhe und Bewegung. Jeder Strich des Malers wird dabei von der Walküre mit immer deutlicherer Präsenz beantwortet. Die Herausforderung wird angenommen, und die kriegerischen Jungfrauen erscheinen eine nach der anderen auf den Leinwänden. Die Wucht ihrer Gegenwart steht in einem direkten Verhältnis zu Wagnis und Entschlossenheit des Künstlers, der sich ihnen gestellt hat. Die Beschwörung der Walküren ist ein Flirt mit dem Tod.

 

Barbara Krijanovsky