Mariano Rinaldi Goni  (MAO)

Retrospektive Starke 2005

 

Geheimnisvoll erotische Frauentableaus bestimmen den thematischen Schwerpunkt im künstlerischen Werk des 1972 in Buenos Aires geborenen Malers MAO (Mariano Rinaldi Goñi). Der Künstler studierte 1990-1992 Malerei an der Escuela Panamericana de Arte in Buenos Aires. Begleitend vervollständigte er ab 1991 seine akademische Ausbildung zwei Jahre lang bei Professor Horacio Porto, einem bekannten gesellschaftspolitischen Maler. Seit 1992 stellt MAO regelmäßig aus, unter anderem im Salon de Cultura Buenos Aires und im Museo de Bellas Artes de la Ciudad de La Plata. 1996 zieht der Künstler von Bue­nos Aires nach Berlin um, geleitet von Neugier, Wissensdrang und einem expliziten Interesse an europäischer Kultur und Sprache.

 

Wenn MAO auch noch ein relativ junger Künstler ist, lässt sein künstlerischer Werdegang doch schon eine klar erkennbare Entwicklung erkennen. Der Bogen dieser Entwicklung wird plastisch deutlich, wenn man eines seiner frühesten Bilder, den Bischof von 1994, noch in Buenos Aires gemalt, dem Portrait von Massimo, ebenfalls als eine Art Bischof konzipiert, von 2004 gegenüberstellt. Es ist dies ein Weg mit vielen interessanten Stufen. Ich möchte mich hier auf drei Momente dieser Entwicklung konzentrieren: der Umgang mit Farbe und Linie in der Darstellung der Figuren, das veränderte Formempfinden und die fortschreitende Hinwendung zur Figuration.

 

In den frühen Bildern, wie dem Bischof von 1994, nehmen die Figuren ihren Ursprung aus der malerischen Materie selbst. Die Plastizität der Figuren ist wörtlich zu nehmen, sie liegt begründet im pastosen Farbauftrag, durch den die Figuren gleichsam skulpturhaft geformt werden. In den folgenden Jahren kehrt sich dieses Verhältnis ins Gegenteil: es ist nun der Raum um die Figuren herum, der durch pastos aufgetragene Farbe gestaltet ist, während die Figuren selbst durch die Aussparungen im Farbauftrag definiert sind und lediglich durch sehr sparsam aufgetragene und farblos gehaltene Linien innerlich gestaltet werden. Dies ist z.B. in den Werken The Harvest (Diptychon) von 1998 und Potras I, II, III, IV vom folgenden Jahr klar ersichtlich und zieht sich in etwas veränderter Form bis in die Nornen von 2004. Die Figuren werden dadurch wesentlich leichter und beschwingter. Da sie nicht mehr durch ihre Masse definiert sind, sondern durch Energielinien, wirken sie gleichzeitig sehr viel kraftvoller. In manchen Arbeiten fällt der Farbauftrag sogar völlig weg und es entsteht ein wildes und dynamisches Geflecht von Linien. In dem Werk Walküre von 2004, einer Darstellung einer wagnerischen Operndiva, verdichten sich diese Linien zu einem schier schwindelerregenden Schlachtengetöse von Kraftfeldern und Kinetik.

 

Parallel zu dieser Verschiebung in der Darstellung der Gestalten verändern diese sich auch in ihren Formen. Während die frühen Figuren noch gedrängter, gleichsam zusammengezogen und „karbonisiert“ wirken (in den Worten des Künstlers), werden sie in den ersten Jahren in Berlin zunehmend offener und expansiver. Die kubistisch-kantigen Figuren weichen runderen, fleischigeren Formen, die in den Potras einen schamlos lustvollen Höhepunkt erreichen. Von der geballten Materie der frühen Bilder können wir eine zunehmende Auflockerung zu gelöste­ren, üppigeren Formen feststellen. In den Portraits, den aktuellsten Arbeiten MAOs, vollzieht sich dann allerdings wieder eine Verdichtung zu einer kompakteren Darstellung. Diese erstreckt sich nicht nur auf die menschliche Figur, sondern durch das Wegfallen von malerischen Aussparungen auch auf die gesamte Bildgestaltung.

 

Der Blick auf die Portraits macht außerdem offenkundig, wie sehr sich MAOs Arbeiten in diesen Jahren in Richtung Figuration entwickelt haben. Während die dargestellten Gestalten anfangs noch völlig abstrakt wirkten, reine Gedankengebilde waren, ging MAO Ende der neunziger Jahre zunehmend dazu über, seine Figuren nach Modellen zu zeichnen. Dies macht sich in deren zunehmender Individualität deutlich bemerkbar. In den Portraits schließlich wer­den aus den immer noch anonymen Modellen nun reale, namentlich bezeichnete Personen. Eingebettet in eine zunehmend barocke Landschaft von Freunden und Gegenständen, die ihrem realen Lebenskontext entnommen sind, treten diese dem Betrachter nun als erkennbare Persönlichkeiten mit ihren eigenen Stärken und Eigenarten entgegen.

 

Dr. Martin Kramer